Substanzprofil
CJC-1295
DAC:GRF / mod GRF 1-29
Synthetisches GHRH-Analogon (GH-Sekretagogum) — existiert als Variante mit DAC (Drug Affinity Complex, Halbwertszeit von Tagen) und ohne DAC (kurzwirksam). Nirgends als Arzneimittel zugelassen.
Einordnung & Wirkmechanismus
CJC-1295 ist ein Analogon der ersten 29 Aminosäuren von humanem GHRH — der Minimalsequenz für volle GHRH-Rezeptor-Aktivität. Die belegte Humanevidenz betrifft fast ausschließlich die DAC-Version.
4 Aminosäure-Substitutionen machen das Molekül resistent gegen den Abbau durch Dipeptidylpeptidase-IV (DPP-IV) → längere Zirkulation als natives GHRH.
DAC (Drug Affinity Complex): ein Maleimidopropionyl-Rest reagiert nach Injektion kovalent mit einem freien Cystein-Thiol von Serum-Albumin. Dadurch entsteht ein zirkulierendes Depot → Halbwertszeit von Tagen statt Minuten.
Am Rezeptor stimuliert es die GH-Freisetzung aus der Hypophyse; nachgelagert steigt IGF-1 (Leber). Anders als exogenes GH bleibt die hypophysäre Achse zwischengeschaltet — ein oft genannter theoretischer „Sicherheitspuffer“.
Belegt ist (Ionescu & Frohman 2006), dass die pulsatile GH-Sekretion unter Dauerstimulation grundsätzlich erhalten bleibt, die basale GH-Sekretion aber deutlich angehoben wird.
Die zwei Varianten — was wirklich belegt ist
Mit DAC (DAC:GRF): Halbwertszeit ~5,8–8,1 Tage am Menschen belegt. Kovalente Albumin-Bindung erzeugt ein Depot. Das ist die Variante mit tatsächlicher Humanevidenz.
Ohne DAC (mod GRF 1-29): im Prinzip ein DPP-IV-stabilisiertes GRF(1-29) (Sermorelin-nah) mit kurzer Wirkung. Die Halbwertszeit im Minuten-Bereich ist aus der GRF(1-29)/Sermorelin-Pharmakologie abgeleitet — es gibt keine eigene peer-reviewte Human-RCT unter dem Namen „CJC-1295 no DAC“.
Studienlage — ehrlich eingeordnet
Human und Tier strikt getrennt.
DAC-Version, Human — Teichman et al. 2006, JCEM 91(3):799–805 (PMID 16352683): zwei randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-I-Studien (PK/PD) an gesunden Erwachsenen. Einzelinjektion → GH-Anstieg 2–10-fach über ≥6 Tage, IGF-1 1,5–3-fach über 9–11 Tage; nach Mehrfachgabe IGF-1 bis zu 28 Tage über Ausgangswert. Halbwertszeit 5,8–8,1 Tage, „relatively well tolerated“. Aber: kleine Probandenzahl, kurze Dauer, gesunde Erwachsene, keine harten klinischen Endpunkte.
Klinische Endpunkt-Belege (Muskelaufbau, Fettabbau, Anti-Aging, Wundheilung, Leistung): KEINE. Solche Behauptungen sind unbelegt. Das Phase-II-Programm (HIV-assoziierte Lipodystrophie) wurde abgebrochen — es gibt keine positiven Phase-III-Wirksamkeitsdaten.
DAC-Version, Tier — Alba et al. 2006, Am J Physiol Endocrinol Metab 291(6):E1290–4 (PMID 16822960): einmal-tägliches CJC-1295 normalisierte Wachstum/Körperzusammensetzung bei GHRH-Knockout-Mäusen. Nicht auf Menschen als Wirksamkeitsbeleg übertragbar.
Ohne-DAC-Version: dedizierte Human-RCT KEINE. Alles, was über „stimuliert GH-Freisetzung“ hinausgeht, ist für diese Variante unbelegt.
Graumarkt-Realität — Henninge et al. 2010, Drug Test Anal (PMID 21204297): CJC-1295 wurde per LC-HRMS/MS in einer unbekannten, nicht deklarierten pharmazeutischen Zubereitung identifiziert (Auftrag norwegischer Zoll-/Polizeibehörden). Illustriert direkt: Graumarkt-Ware ≠ definierter Inhalt.
🚩 Sicherheit / Red Flags
- Todesfall im Studienprogramm: Die Phase-II-Studie zur HIV-Lipodystrophie (192 Teilnehmer) wurde im Juli 2006 nach dem Tod eines Teilnehmers abgebrochen (akuter Myokardinfarkt ~2 Std. nach einer Injektion). Der zeitgleiche Primärbericht (aidsmap) nannte die Todesursache als noch in Untersuchung; die später verbreitete Einordnung „behandlungsunabhängige koronare Herzkrankheit“ stammt aus Sekundärquellen — ein Kausalausschluss ist nicht bewiesen.
- FDA-Sicherheitssignale (PCAC-Review, Dez 2024): kardiovaskuläre Effekte (erhöhte Herzfrequenz, Flush/transiente Hypotonie), Immunogenität/Verunreinigungen sowie in nichtklinischen Studien DNA-Schäden in Hypophysenzellen. Das PCAC empfahl gegen Aufnahme in die 503A-Bulks-Liste. (DNA-Schaden = in-vitro/Tier, kein Human-Nachweis.)
- Erwartbare pharmakodynamische Warnzeichen bei GH-/IGF-1-Überstimulation (aus GH-Physiologie, nicht CJC-spezifisch bewiesen): Wassereinlagerung/Ödeme, Gelenkschmerzen, Karpaltunnel-Symptomatik, Insulinresistenz/Blutzuckeranstieg, theoretisch Kopfschmerz/Blutdruck. Chronisch erhöhtes IGF-1 → theoretisches Bedenken bzgl. Zellproliferation (kein Human-Langzeitbeleg, aber ernstzunehmendes Signal).
- DAC-spezifisch: wegen Tage-langer Halbwertszeit ist eine Nebenwirkung/Überdosis nicht schnell reversibel — man kann nicht einfach „absetzen und abwarten“.
- Sofort medizinisch abklären: Brustschmerz/Engegefühl, Belastungsdyspnoe, neu aufgetretene Sehstörungen/starke Kopfschmerzen, ausgeprägte Ödeme, Taubheit/Kribbeln der Hände, Zeichen von Hyperglykämie (starker Durst/Polyurie), allergische/Injektionsreaktionen.
Quellen
- Teichman SL et al. 2006, JCEM 91(3):799–805 — PubMed 16352683 (Human, Phase-I-RCT; PK/GH/IGF-1, HWZ 5,8–8,1 d)
- Teichman 2006 — JCEM/Oxford Academic (Volltext-Eintrag)
- Ionescu & Frohman 2006, JCEM 91(12):4792–4797 (Human; Pulsatilität erhalten, basale GH erhöht)
- Alba M et al. 2006, Am J Physiol Endocrinol Metab 291(6):E1290–4 — PMID 16822960 (Tierstudie, GHRH-Knockout-Maus)
- Henninge J et al. 2010, Drug Test Anal — PubMed 21204297 (forensisch/analytisch; Graumarkt-Realität)
- aidsmap, Juli 2006 — Lipodystrophy study halted after patient death (Todesursache damals „in Untersuchung“)
- WADA Prohibited List 2026 (Original-PDF)
- WADA Prohibited List (Übersicht)
- FDA — Certain Bulk Drug Substances for Compounding That May Present Significant Safety Risks
- FDA — Bulk Drug Substances Used in Compounding Under Section 503A
- Wikipedia — CJC-1295 (Sekundärquelle: Entwickler ConjuChem, DAC-vs-noDAC, Phase-II-Abbruch)
Weitere im Lexikon
Synthetisches GHRH-Analogon — FDA-zugelassen (Egrifta) für HIV-assoziierte Lipodystrophie, in DE/EU nicht zugelassen.
Selektives GH-Sekretagog (Ghrelin-Rezeptor-Agonist, GHRP-artig) — Präklinik plus frühe Klinik.
Körpereigenes Redox-Coenzym — kein Peptid. Für die injizierte/IV-Form am Menschen ist die Datenlage sehr dünn, klein und teils industriegesponsert. Der „Anti-Aging-Infusion“-Hype ist durch Humandaten nicht gedeckt.