Substanzprofil
Tesamorelin
Synthetisches GHRH-Analogon — FDA-zugelassen (Egrifta) für HIV-assoziierte Lipodystrophie, in DE/EU nicht zugelassen.
Einordnung & Wirkmechanismus
Tesamorelin ist ein GHRH-Analogon — es wirkt eine Ebene „vor“ dem Wachstumshormon und nutzt die körpereigene Achse, statt GH selbst zu ersetzen.
GHRH-Rezeptor: Tesamorelin bindet an die GHRH-Rezeptoren der Hypophyse und stimuliert die körpereigene, pulsatile Ausschüttung von Wachstumshormon (GH). Es ist selbst kein Wachstumshormon.
IGF-1: Das freigesetzte GH stimuliert in der Leber die Bildung von IGF-1, das viele GH-Effekte vermittelt — in den RCTs reproduzierbar erhöht.
Lipolyse: Über GH/IGF-1 wird Fettabbau gefördert; in den Studien wird viszerales Fett bevorzugt mobilisiert. Der Effekt ist an die fortlaufende Gabe gebunden (siehe Reversibilität).
Studienlage — ehrlich eingeordnet
Untypisch für Graumarkt-Peptide gibt es belastbare Human-RCTs. Aber: nahezu die gesamte Evidenz stammt aus HIV-assoziierter Lipodystrophie.
Viszeralfett (VAT): Zwei Phase-III-RCTs (Study 1 = NEJM 2007, N=412; Study 2, N≈404). Gepoolte Analyse (Falutz et al., JCEM 2010, n=806): Behandlungseffekt −15,4 % VAT über 26 Wochen vs. Placebo (p<0,001).
IGF-1-Anstieg: In den RCTs konsistent und signifikant erhöht (p<0,001) — zugleich ein Sicherheitssignal (siehe Red Flags).
Triglyzeride / Lipide: Gepoolt signifikante Senkung (Behandlungseffekt −12,3 %, p<0,001); über einzelne Endpunkte/Studien weniger robust.
Reversibilität: Teilnehmende, die in der Verlängerung auf Placebo umgestellt wurden, zeigten Wieder-Anlagerung des viszeralen Fetts Richtung Ausgangsniveau — die Wirkung ist transient, für Erhalt ist Dauergabe nötig.
Leberfett (HIV+NAFLD): JAMA 2014 (Stanley et al., RCT, N=50) — Leberfett-Fraktion netto −2,9 Prozentpunkte vs. Placebo (p=0,003). Folge-RCT (Lancet HIV 2019, N=61, 12 Monate) — Reduktion des Leberfetts und abgeschwächte Fibrose-Progression. Kleine Fallzahl, spezialisierte HIV-Population.
Diabetes-Risiko: In der gepoolten FDA-/Phase-III-Analyse erhöhte Neu-Diabetes-Inzidenz (OR ~3,4–3,6; Label-HR 3,3). Nüchternglukose stieg im Mittel moderat (~3–5 mg/dl). Warnsignal, monitoring-bedürftig.
Malignitäten: In der gepoolten Sicherheitsanalyse numerisch mehr Malignitäten unter Tesamorelin als unter Placebo — kleine absolute Zahlen, nicht als kausal etabliert, aber konsistent mit der IGF-1-Sorge.
Kontext-Einschränkung: Für gesunde Menschen, Bodybuilding, „Anti-Aging“, allgemeinen Fettabbau oder Longevity gibt es keine zugelassene Indikation und keine belastbaren RCTs — diese Anwendungen sind unbelegt (off-label / nicht untersucht).
Warum EU/DE nicht zugelassen
Der EU-Antrag wurde am 21. Juni 2012 vom Antragsteller (Ferrer) zurückgezogen, nachdem der CHMP die Daten als nicht ausreichend für ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis bewertet hatte.
Konkret bemängelt: fehlende Langzeit-Sicherheitsdaten (>48 Wochen) zu erhöhtem IGF-1 und ein fehlender kardiovaskulärer Endpunkt. In DE/EU ist Tesamorelin nicht als Arzneimittel verkehrsfähig.
🚩 Sicherheit & Red Flags
- IGF-1-Erhöhung: reproduzierbar und deutlich; assoziiert mit theoretisch erhöhtem Krebsrisiko und Verschlechterung diabetischer Retinopathie. IGF-1-Monitoring wird ausdrücklich empfohlen; aktive/bekannte Malignität ist Gegenanzeige.
- Glukoseintoleranz / Diabetes: erhöhtes Neuauftreten in FDA-Daten (OR ~3,4–3,6). Glukosestatus vor Beginn und regelmäßig prüfen.
- Flüssigkeitsretention: periphere Ödeme, Arthralgie/Myalgie, Parästhesien — passend zum GH-Mechanismus.
- Injektionsstellen-Reaktionen: Rötung, Juckreiz; dazu Kopfschmerz als häufige Nebenwirkung.
- Schwangerschaft/Stillzeit: keine ausreichenden Daten → meiden. Weitere Gegenanzeigen: aktive Malignität, Störungen der Hypophysen-/Hypothalamus-Achse, Überempfindlichkeit.
Quellen
- FDA Full Prescribing Information (Egrifta).
- NIH LiverTox — Tesamorelin (NBK548730).
- Falutz J et al. NEJM 2007 (Study 1, NEJMoa072375).
- Falutz J et al. JCEM 2010 — gepoolte Phase-III-Analyse (VAT −15,4 %; TG −12,3 %).
- Falutz J et al. Review (PMC3218714).
- Stanley TL et al. JAMA 2014 — RCT Leberfett (PMC4363137).
- Stanley TL et al. Lancet HIV 2019 — NAFLD-Folge-RCT (PMC6981288).
- EMA — Withdrawn application „Egrifta (tesamorelin)“.
- EMA News — Ferrer withdraws Egrifta MAA.
- WADA — Prohibited List (S2.2.4 Growth Hormone Releasing Factors).
Weitere im Lexikon
Synthetisches GHRH-Analogon (GH-Sekretagogum) — existiert als Variante mit DAC (Drug Affinity Complex, Halbwertszeit von Tagen) und ohne DAC (kurzwirksam). Nirgends als Arzneimittel zugelassen.
Selektives GH-Sekretagog (Ghrelin-Rezeptor-Agonist, GHRP-artig) — Präklinik plus frühe Klinik.
Dualer Inkretin-Rezeptor-Agonist (GLP-1 · GIP, „Twincretin“) — in DE/EU als verschreibungspflichtiges Arzneimittel zugelassen.