Substanzprofil
Kisspeptin
Kisspeptin-10 · Kisspeptin-54 · Metastin
Körpereigener Schalter der Fortpflanzungshormone — mit echter klinischer Forschung (IVF, Libido), aber nirgends zugelassen. Graumarkt-Versprechen wie „natürlicher Testosteron-Booster“ sind nicht belegt.
Einordnung & Wirkmechanismus
Kisspeptin sitzt ganz oben in der Hormonkette der Fortpflanzung: Es weckt die Nervenzellen, die GnRH ausschütten — und GnRH steuert LH und FSH, die wiederum Eierstöcke und Hoden antreiben.
Unverzichtbar für die Pubertät: Menschen mit defektem Kisspeptin-Rezeptor kommen nicht in die Pubertät (hypogonadotroper Hypogonadismus); Mäuse ohne Rezeptor ebenso (Seminara et al., NEJM 2003). Das ist einer der am besten belegten Befunde der Fortpflanzungsmedizin.
Hormonanstieg beim Menschen: Kisspeptin-54 als Infusion erhöhte bei gesunden Männern LH, FSH und Testosteron gegenüber Kochsalz (doppelblind, n = 6, Dhillo et al. 2005); Halbwertszeit im Blut rund 28 Minuten. Kisspeptin-10 löste bei Männern ebenfalls einen raschen LH-Anstieg aus (George et al. 2011).
Mehr ist nicht besser: Dauerhafte Gabe kann den Effekt abschwächen (Tachyphylaxie) — beschrieben bei Affen und bei Frauen mit hypothalamischer Amenorrhö. Höhere Einzelgaben verstärkten den Effekt nicht zuverlässig.
Studienlage — ehrlich eingeordnet
Hier liegt der Unterschied zu vielen anderen Szene-Peptiden: Es gibt randomisierte Studien an Universitätskliniken. Aber sie untersuchen eng umrissene medizinische Situationen unter ärztlicher Kontrolle — nicht das, wofür Kisspeptin im Graumarkt beworben wird.
Eizellreifung bei IVF: Eine einzelne Kisspeptin-54-Injektion löste bei 53 Frauen in Kinderwunschbehandlung die Eizellreifung aus; bei 92 % konnten Embryonen übertragen werden, 12 klinische Schwangerschaften (Jayasena et al., J Clin Invest 2014).
Frauen mit hohem Überstimulationsrisiko (OHSS): Randomisierte Phase-2-Studie, 60 Frauen, verschiedene Dosen: Eizellreifung bei 95 %, Lebendgeburtenrate 45 % pro Transfer, keine einzige mittlere oder schwere Überstimulation (Abbara et al. 2015). Eine zweite Phase-2-Studie (n = 62, placebokontrolliert) zeigte, dass eine zweite Gabe die Ausbeute verbessert (2017). Eine Phase 3 fehlt bisher.
Geringe Lust (HSDD): In zwei placebokontrollierten Crossover-Studien (je 32 Teilnehmende, Imperial College) veränderte eine Kisspeptin-Infusion die Verarbeitung sexueller Reize im Gehirn — bei Frauen (2022) und bei Männern (2023), bei Männern zusätzlich mehr Erektion auf sexuelle Reize. Kurz, im Labor, als Infusion — keine Behandlungsstudie.
Interessenkonflikte offen benannt: Mehrere Imperial-Autoren erhielten Beraterhonorare vom Entwickler des Kisspeptin-Analogons MVT-602 (Myovant). Das Analogon erzeugte in Phase-1/2a-Studien bei gesunden Frauen einen LH-Anstieg ähnlich dem natürlichen Eisprung-Signal (2024).
„Natürlicher Testosteron-Booster“, „Libido-Peptid“ zum Selbstgebrauch, „Fruchtbarkeit ohne Arzt“: Dafür gibt es keine Studien. Die kurzfristigen Hormonanstiege in Laborstudien sind kein Beleg für einen anhaltenden Nutzen — eher zeigen die Daten, dass Dauergabe den Effekt abschwächen kann.
🚩 Warn- und Risikosignale
- Zyklusveränderungen — schon eine Woche Kisspeptin-54 verkürzte bei gesunden Frauen den Zyklus und verschob den Eisprung nach vorn. Wer schwanger werden will oder hormonell verhütet, greift hier in genau das System ein, das das steuert.
- Überstimulation der Eierstöcke (Bauchschmerzen, Blähbauch, rasche Gewichtszunahme, Atemnot) ist bei jeder Fruchtbarkeits-Hormonbehandlung ein Notfall — in den Studien wurde genau deshalb engmaschig kontrolliert.
- Abschwächung bei Dauergabe — der Effekt kann nachlassen; die Hormonachse kann dadurch eher gedämpft als angekurbelt werden.
- Graumarkt-Ware: Die FDA führt Kisspeptin-10 seit 2023 wegen möglicher Immunreaktionen und fehlender Sicherheitsdaten auf ihrer Risikoliste. Reinheit und Gehalt sind nicht garantiert.
- Sportler/Kadersportler: WADA S2.2.1, namentlich verboten, jederzeit (für Männer ausdrücklich). Ein Nachweis ist ein Doping-Verstoß.
Das sagt die Community
Erfahrungen und Fragen aus dem Forum — Erfahrungsaustausch, keine Empfehlung von uns.
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- Beitragsreihe | Was ist #11 | Heute: Kisspeptin (Wirkung, Dosierung, Applikation, Studien & Erfahrungsberichte)1
Quellen
- Seminara SB et al. — The GPR54 gene as a regulator of puberty. N Engl J Med 2003, PMID 14573733.
- Dhillo WS et al. — Kisspeptin-54 stimulates the hypothalamic-pituitary gonadal axis in human males. J Clin Endocrinol Metab 2005 (doppelblind, n = 6), PMID 16174713.
- George JT et al. — Kisspeptin-10 is a potent stimulator of LH and increases pulse frequency in men. J Clin Endocrinol Metab 2011, PMID 21632807.
- Jayasena CN et al. — Twice-daily subcutaneous kisspeptin-54 does not abolish menstrual cyclicity in healthy female volunteers. J Clin Endocrinol Metab 2013, PMID 24030945.
- Jayasena CN et al. — Increasing LH pulsatility in women with hypothalamic amenorrhoea using kisspeptin-54. J Clin Endocrinol Metab 2014, PMID 24517142.
- Jayasena CN et al. — Kisspeptin-54 triggers egg maturation in women undergoing IVF. J Clin Invest 2014 (n = 53, NCT01667406), PMID 25036713.
- Abbara A et al. — Efficacy of Kisspeptin-54 to Trigger Oocyte Maturation in Women at High Risk of OHSS. J Clin Endocrinol Metab 2015 (Phase 2, randomisiert, n = 60), PMID 26192876.
- Abbara A et al. — A second dose of kisspeptin-54 improves oocyte maturation in women at high risk of OHSS. Hum Reprod 2017 (Phase 2, placebokontrolliert, n = 62), PMID 28854728.
- Mills EG et al. — Effects of Kisspeptin in Women With Hypoactive Sexual Desire Disorder. JAMA Netw Open 2022 (RCT-Crossover, n = 32), PMID 36287566.
- Mills EG et al. — Effects of Kisspeptin on Sexual Brain Processing and Penile Tumescence in Men With HSDD. JAMA Netw Open 2023 (RCT-Crossover, n = 32), PMID 36735255.
- Abbara A et al. — Endocrine profile of the kisspeptin receptor agonist MVT-602 in healthy premenopausal women. Fertil Steril 2024 (Phase 1/2a), PMID 37925096.
- FDA — Certain Bulk Drug Substances for Use in Compounding that May Present Significant Safety Risks (Kisspeptin-10, Category 2 seit 29.09.2023).
- WADA — The 2026 Prohibited List, S2.2.1 (Kisspeptin und seine Agonisten), amtlich veröffentlicht in BGBl. III Nr. 219/2025.
Weitere im Lexikon
Nicht-selektiver Melanocortin-Rezeptor-Agonist — in den USA als Vyleesi gegen HSDD zugelassen, in der EU nicht.
Endogenes Nonapeptid mit langer Forschungsgeschichte (Mitte 1970er) — die zentrale „Schlaf-macht-Peptid“-These ist bis heute nicht sauber belegt.
Synthetisches Heptapeptid aus einem ACTH-Fragment — in Russland als Arzneimittel registriert, im Westen als „Nootropikum“ gehyped. Die Studienlage ist fast ausschließlich russisch und schwer überprüfbar.