PEPS WITH PHIL | #17 SURVODUTIDE – DER NEUE RIVALE VON RETATRUTIDE?
Wer mich und Peps with Phil schon länger verfolgt, weiß:
Retatrutide hat mich persönlich bisher wahrscheinlich am meisten beeindruckt.
Über 30 Kilo weniger Körpergewicht und eine Wirkung auf Hunger und Food Noise, die ich vorher so nicht kannte.
Aber mittlerweile taucht ein weiterer Name immer häufiger auf:
SURVODUTIDE.
Und das Ding ist interessant.
Denn Survodutide greift ebenfalls GLP-1 und Glucagon an – verzichtet aber auf den dritten Rezeptor von Retatrutide.
Die Frage ist also:
Brauchen wir GIP überhaupt – oder reichen GLP-1 + Glucagon für massiven Fettverlust?
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WAS IST SURVODUTIDE?
Survodutide, früher als BI 456906 bezeichnet, ist ein langwirksamer dualer Rezeptoragonist.
Er aktiviert:
GLP-1 + GLUCAGON
Retatrutide dagegen:
GLP-1 + GIP + GLUCAGON
Survodutide wird von Boehringer Ingelheim gemeinsam mit Zealand Pharma entwickelt und befindet sich aktuell in einem umfangreichen klinischen Entwicklungsprogramm.
Und inzwischen haben wir etwas, das Survodutide besonders interessant macht:
Phase-3-Humandaten.
Das ist also längst kein Molekül mehr, bei dem wir nur über Mäuse und theoretische Mechanismen sprechen.
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WARUM AUSGERECHNET GLUCAGON?
GLP-1 kennen mittlerweile wahrscheinlich die meisten.
Weniger Hunger. Langsamere Magenentleerung. Bessere Regulation des Blutzuckers.
Aber Glucagon?
Das kennt man eigentlich als Gegenspieler von Insulin.
Warum sollte man ausgerechnet Glucagon aktivieren, wenn man Gewicht verlieren möchte?
Weil Glucagon metabolisch wesentlich interessanter ist.
Neben seiner Rolle bei der Blutzuckerregulation kann die Aktivierung des Glucagon-Rezeptors unter anderem Energieverbrauch und Fettstoffwechsel beeinflussen.
Die Idee hinter Survodutide lautet deshalb vereinfacht:
GLP-1 drückt die Energieaufnahme.
Glucagon soll gleichzeitig die metabolische Seite des Energieverbrauchs beeinflussen.
Das ist zumindest das Konzept.
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UND JETZT ZU DEN ZAHLEN
2024 veröffentlichten le Roux und Kollegen eine Phase-2-Studie in The Lancet Diabetes & Endocrinology.
387 Menschen mit Übergewicht beziehungsweise Adipositas ohne Diabetes wurden untersucht.
Nach 46 Wochen erreichte die höchste geplante Survodutide-Dosis einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von:
14,9 %
gegenüber rund 2,8 % unter Placebo.
In einer Analyse anhand der tatsächlich erhaltenen Erhaltungsdosis wurden bei 4,8 mg sogar ungefähr 18,7 % Gewichtsverlust beobachtet.
Das war bereits ziemlich ordentlich.
Aber inzwischen haben wir Phase 3.
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DIE NEUEN PHASE-3-DATEN
2026 erschien SYNCHRONIZE-1 im New England Journal of Medicine.
725 Menschen mit Adipositas beziehungsweise Übergewicht plus Begleiterkrankung ohne Diabetes wurden 76 Wochen behandelt.
Beim sogenannten Treatment-Regimen-Ansatz – bei dem unter anderem Therapieabbrüche berücksichtigt werden – betrug der durchschnittliche Gewichtsverlust:
12,2 % bei 3,6 mg
13,0 % bei 6 mg
gegenüber:
5,4 % unter Placebo.
Das bestätigt ziemlich eindeutig:
Survodutide funktioniert beim Menschen.
Interessant ist allerdings, dass die Phase-3-Zahlen nüchterner aussehen als manche früheren Schlagzeilen aus Phase 2.
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UND JETZT: SURVODUTIDE VS. RETATRUTIDE
Natürlich kommt genau diese Frage.
Und wenn wir nur auf die bisher veröffentlichten Gewichtsverlustdaten schauen, ist der Unterschied auffällig.
Bei Retatrutide wurden in der Phase-3-Studie TRIUMPH-1 bei 12 mg nach 80 Wochen durchschnittlich etwa:
28,3 % Gewichtsverlust
berichtet.
Bei Survodutide waren es im Treatment-Regimen-Ansatz der aktuellen Phase-3-Studie bei 6 mg:
13,0 % nach 76 Wochen.
Aber Vorsicht:
Das ist KEIN Head-to-Head-Vergleich.
Andere Teilnehmer. Andere Studien. Andere Auswertungsmethoden. Andere Dosierung und Titration.
Man kann deshalb nicht wissenschaftlich sauber sagen:
„Retatrutide ist exakt doppelt so effektiv.“
Dafür müsste man beide Wirkstoffe unter denselben Bedingungen direkt gegeneinander testen.
Trotzdem sind die aktuellen Zahlen natürlich interessant.
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ABER SURVODUTIDE HAT NOCH EIN ASS IM ÄRMEL
Und das ist für mich eigentlich der spannendste Teil:
DIE LEBER.
Survodutide wird intensiv bei MASLD und MASH untersucht – also Erkrankungen, bei denen sich Fett in der Leber ansammelt und Entzündung beziehungsweise Fibrose entstehen können.
In einer Phase-2-Studie von Sanyal und Kollegen im New England Journal of Medicine erreichten je nach Dosis 43 bis 62 % der Survodutide-Gruppen eine Verbesserung der MASH ohne Verschlechterung der Fibrose.
Unter Placebo waren es 14 %.
Bei 57 bis 67 % der Survodutide-Gruppen sank außerdem der Leberfettgehalt um mindestens 30 %.
Und 2026 kamen weitere Phase-3-Daten hinzu.
In SYNCHRONIZE-MASLD erreichten unter 6 mg Survodutide 84,2 % der Teilnehmer in der entsprechenden Wirksamkeitsanalyse eine Reduktion des Leberfetts um mindestens 30 %.
Das ist für mich fast interessanter als die reine Zahl auf der Waage.
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UND WAS PASSIERT MIT DEM BAUCHFETT?
Auch hier gibt es mittlerweile interessante Daten.
In einer vorab festgelegten Subanalyse von SYNCHRONIZE-1 berichtete Boehringer Ingelheim bei Survodutide von einer Reduktion des viszeralen Fettgewebes um bis zu etwa 34 %.
Zusätzlich sank das Leberfett in dieser Analyse um bis zu rund 63 %.
Und genau deshalb würde ich Survodutide nicht einfach als:
„schlechteres Retatrutide“
abstempeln.
Die Entwicklung zielt offensichtlich stark auf metabolisch problematisches Fett und Lebererkrankungen.
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WAS IST MIT MUSKELMASSE?
Auch hier wurde genauer hingeschaut.
In derselben Phase-3-Subanalyse machte der Verlust an fettfreier Masse bei der höchsten Survodutide-Dosis laut Unternehmensangaben höchstens rund 11 % der gesamten verlorenen Gewebemasse aus.
Der überwiegende Teil des Gewebeverlustes entfiel damit auf Fettmasse.
Das ist interessant, sollte aber nicht zu:
„Survodutide schützt automatisch deine Muskeln“
umgedichtet werden.
Training, Proteinversorgung, Ausgangskörperzusammensetzung und Geschwindigkeit des Gewichtsverlusts bleiben relevant.
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WO IST DER HAKEN?
Wer GLP-1-Medikamente kennt, wird von der Liste wenig überrascht sein.
In SYNCHRONIZE-1 waren Magen-Darm-Beschwerden mit Abstand am häufigsten.
Sie traten bei rund 81 % der Teilnehmer unter 3,6 mg und knapp 90 % unter 6 mg auf.
Typischerweise waren sie mild bis moderat.
Schon in Phase 2 waren gastrointestinale Nebenwirkungen sehr häufig.
Das ist also kein magischer Fettverlust ohne Preis.
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WAS IST MIT DER DOSIERUNG?
Und hier machen wir diesmal etwas anders.
Normalerweise schauen wir bei Peps with Phil zusätzlich auf PeptideDosages.
Für Survodutide würde ich aber die klinischen Daten deutlich höher gewichten, weil wir mittlerweile echte Phase-3-Dosisstudien haben.
In SYNCHRONIZE-1 wurden die Teilnehmer schrittweise auf:
3,6 mg oder 6 mg einmal wöchentlich
titriert.
In der älteren Phase-2-Adipositasstudie wurden unter anderem 0,6 bis 4,8 mg wöchentlich untersucht.
Das sind Studiendosen unter medizinisch kontrollierten Bedingungen, keine Empfehlung zur Selbstanwendung.
Gerade bei einem noch nicht regulär etablierten Research-Produkt würde ich irgendwelche Internet-Vials nicht mit dem klinisch geprüften Studienpräparat gleichsetzen.
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PHIL’S TAKE
Und jetzt wird es für mich persönlich interessant.
Ich bin bekanntermaßen ein großer Retatrutide-Fan, weil ich selbst erlebt habe, was dieses Prinzip beim Thema Hunger, Food Noise und Körpergewicht bewirken kann.
Deshalb hatte ich bei Survodutide zunächst genau eine Frage:
Warum sollte mich ein Dual-Agonist interessieren, wenn Retatrutide gleich drei Rezeptoren aktiviert?
Nach dem Deep Dive ist meine Antwort:
Wegen der Leber- und Fettverteilungsdaten.
Beim reinen Gewichtsverlust sind die bisher verfügbaren Retatrutide-Zahlen spektakulärer.
Retatrutide erreichte in TRIUMPH-1 bei 12 mg durchschnittlich 28,3 % Gewichtsverlust nach 80 Wochen. Survodutide kam in SYNCHRONIZE-1 im Treatment-Regimen-Ansatz bei 6 mg auf 13,0 % nach 76 Wochen.
Aber Survodutide nur anhand der Waage zu beurteilen, wird dem Molekül nicht ganz gerecht.
Viszerales Fett.
Leberfett.
MASLD.
MASH.
Genau dort wird die Geschichte interessant.
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MEIN FAZIT
Survodutide ist kein Retatrutide-Klon.
Die beiden teilen sich GLP-1 und Glucagon, aber Retatrutide bringt zusätzlich GIP mit.
Und aktuell sieht die Situation ziemlich spannend aus:
Retatrutide liefert bisher extrem starke Gewichtsverlustdaten.
Survodutide zeigt gleichzeitig sehr interessante Daten bei viszeralem Fett und insbesondere der Fettleber.
Ob Survodutide deshalb irgendwann für bestimmte metabolische Patienten besonders interessant wird, müssen die laufenden Studien und regulatorischen Bewertungen zeigen.
Aber eines kann man mittlerweile definitiv sagen:
Survodutide ist kein obskures Research-Peptid mehr, das nur bei Mäusen funktioniert.
Wir haben randomisierte Phase-2- und inzwischen publizierte Phase-3-Humandaten.
Und damit ist das Ding für mich definitiv einer der interessanteren Kandidaten der nächsten Generation.