LABS WITH PHIL | #04 KREATININ, eGFR & CYSTATIN C – SIND DEINE NIERENWERTE WIRKLICH SCHLECHT?
Willkommen zu Folge 4 von Labs with Phil.
Das Prinzip bleibt:
Drei Werte. Ein Zusammenhang. Dein Blutbild verstehen.
Heute wird es besonders interessant für alle, die viel trainieren, ordentlich Muskelmasse haben oder Kreatin verwenden.
Denn dann passiert schnell Folgendes:
Kreatinin erhöht. eGFR erniedrigt.
Google wird geöffnet und fünf Minuten später denkt man:
„Meine Nieren funktionieren nicht mehr.“
So einfach ist es zum Glück nicht.
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1. KREATININ
Kreatinin entsteht beim normalen Stoffwechsel von Kreatin in unserer Muskulatur.
Es gelangt ins Blut und wird größtenteils über die Nieren ausgeschieden.
Deshalb wird die Kreatininkonzentration seit Jahrzehnten genutzt, um die Nierenfunktion einzuschätzen.
Aber genau hier liegt das Problem:
Kreatinin hängt nicht ausschließlich von den Nieren ab.
Auch Muskelmasse, Ernährung, Training und Kreatineinnahme können den Wert beeinflussen.
Was ist normal?
Je nach Labor findet man bei erwachsenen Männern beispielsweise ungefähr:
0,7–1,3 mg/dl
Bei Frauen liegen die Referenzbereiche häufig etwas niedriger.
Aber wie immer bei Labs with Phil:
Der Referenzbereich deines Labors zählt.
Was kann erhöhtes Kreatinin bedeuten?
Natürlich kann eine eingeschränkte Nierenfunktion dahinterstecken.
Aber eben nicht ausschließlich.
Kreatinin kann auch höher ausfallen bei:
viel Muskelmasse, intensivem Training, Dehydrierung, größerem Fleischkonsum oder Kreatinsupplementierung.
Deshalb ist ein leicht erhöhtes Kreatinin bei einem muskulösen Sportler nicht automatisch dasselbe wie bei einem älteren Menschen mit Diabetes und Bluthochdruck.
Der Kontext verändert die Interpretation.
Und niedriges Kreatinin?
Ein niedriger Wert ist meistens wesentlich weniger besorgniserregend.
Er kann beispielsweise bei geringer Muskelmasse auftreten.
Und genau das zeigt bereits:
Kreatinin ist eben nicht nur ein Nierenwert.
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2. eGFR
Jetzt wird es interessant.
Auf vielen Laborbefunden steht direkt unter Kreatinin:
eGFR
Das bedeutet:
estimated Glomerular Filtration Rate.
Vereinfacht gesagt soll sie abschätzen, wie gut die Nieren das Blut filtern.
Die Einheit lautet meistens:
ml/min/1,73 m²
Welche Werte sind normal?
Als grobe Orientierung:
≥90 → grundsätzlich normaler beziehungsweise hoher Bereich, sofern keine anderen Hinweise auf Nierenschäden vorliegen.
60–89 → leicht vermindert; alleine noch keine chronische Nierenerkrankung.
<60 → kann auf eine relevante Einschränkung hinweisen, insbesondere wenn sie mindestens drei Monate besteht.
<30 → deutlich eingeschränkte Nierenfunktion und medizinisch besonders relevant.
Wichtig:
Eine einzelne eGFR von beispielsweise 58 bedeutet nicht automatisch chronische Nierenerkrankung.
Für die Diagnose einer chronischen Nierenerkrankung zählt unter anderem, ob die Veränderung über mindestens drei Monate besteht oder andere Marker einer Nierenschädigung vorhanden sind.
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WARUM KANN DIE eGFR BEI SPORTLERN TÄUSCHEN?
Weil die übliche eGFR häufig anhand des Kreatinins berechnet wird.
Und jetzt verbinden wir unsere ersten beiden Werte:
Mehr Muskelmasse →
potenziell mehr Kreatinin →
Kreatinin im Blut höher →
berechnete eGFR niedriger.
Obwohl die tatsächliche Filterleistung möglicherweise besser ist, als die Zahl vermuten lässt.
Das bedeutet nicht, dass ein Sportler eine niedrige eGFR einfach ignorieren sollte.
Es bedeutet nur:
Wir brauchen manchmal einen zweiten Blick.
Und genau dafür kommt unser dritter Wert.
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3. CYSTATIN C
Cystatin C ist ein kleines Protein, das von kernhaltigen Körperzellen relativ konstant produziert und über die Nieren filtriert wird.
Der große Vorteil:
Cystatin C wird deutlich weniger von der Muskelmasse beeinflusst als Kreatinin.
Deshalb kann es besonders interessant sein, wenn Kreatinin und Körperbau nicht richtig zusammenpassen.
Was ist normal?
Viele Labore liegen ungefähr im Bereich von:
0,6–1,0 mg/l
Aber auch hier unterscheiden sich Messverfahren und Referenzbereiche.
Deshalb gilt wieder:
Laborreferenz beachten.
Was bedeutet erhöhtes Cystatin C?
Wenn die Nieren weniger filtrieren, steigt Cystatin C normalerweise an.
Dadurch kann eine Cystatin-C-basierte eGFR berechnet werden.
Noch interessanter:
Es gibt Gleichungen, die Kreatinin UND Cystatin C gemeinsam verwenden.
Diese kombinierte eGFR kann in Situationen, in denen Kreatinin alleine möglicherweise irreführend ist, eine genauere Einschätzung ermöglichen.
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JETZT SETZEN WIR ALLES ZUSAMMEN
Beispiel 1
Kreatinin leicht erhöht Kreatinin-eGFR leicht erniedrigt Cystatin C normal
→ bei einem muskulösen Sportler könnte Muskelmasse einen Teil des Kreatininbefundes erklären.
Beispiel 2
Kreatinin erhöht eGFR erniedrigt Cystatin C ebenfalls auffällig
→ eine tatsächliche Einschränkung der Nierenfunktion wird deutlich interessanter und sollte abgeklärt werden.
Beispiel 3
Kreatinin plötzlich deutlich höher als sonst
→ jetzt interessieren mich Verlauf und Umstände:
War die Person dehydriert?
Gab es kurz vorher hartes Training?
Wurde viel Fleisch gegessen?
Wird Kreatin verwendet?
Oder gibt es tatsächlich eine Veränderung der Nierenfunktion?
Genau deshalb sind Verlaufswerte so wertvoll.
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WAS IST MIT KREATIN?
Hier entsteht häufig unnötige Verwirrung.
Wer Kreatin supplementiert, kann einen höheren Kreatininwert bekommen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Kreatin die Niere geschädigt hat.
Der Grund ist schon im Namen versteckt:
Kreatin → Kreatinin.
Deshalb sollte der Arzt wissen, wenn Kreatin verwendet wird.
Bei einem unklaren Kreatininbefund kann Cystatin C zusätzlichen Kontext liefern.
Ein auffälliger Wert sollte trotzdem nicht einfach mit:
„Das kommt bestimmt vom Kreatin.“
abgehakt werden.
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EIN WERT FEHLT MIR NOCH
Obwohl wir bei Labs with Phil immer drei Hauptwerte behandeln, gibt es beim Thema Niere einen zusätzlichen Marker, den ich unbedingt erwähnen möchte:
Albumin im Urin.
Besonders interessant ist der Albumin-Kreatinin-Quotient – UACR.
Warum?
Eine Niere kann bereits ungewöhnlich viel Albumin in den Urin verlieren, obwohl die eGFR noch relativ normal aussieht.
Deshalb gehören zur vernünftigen Beurteilung einer möglichen chronischen Nierenerkrankung häufig Filterleistung UND Albuminurie.
Blutbild und Urin können sich hier perfekt ergänzen.
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VOR DER BLUTABNAHME
Wenn Nierenwerte kontrolliert werden, sollte man dem Arzt mitteilen:
Kreatineinnahme, Medikamente, Nahrungsergänzungen und intensives Training.
Auch ausreichende normale Flüssigkeitszufuhr ist wichtig.
Nicht unmittelbar vor der Blutabnahme plötzlich mehrere Liter Wasser trinken – sondern möglichst unter normalen, vergleichbaren Bedingungen messen.
Gerade bei Verlaufskontrollen ist das Gold wert.
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PHIL’S CHECK
Wenn ihr aus dieser Folge drei Dinge mitnehmt:
-
Kreatinin wird nicht nur von der Niere beeinflusst.
-
Eine Kreatinin-basierte eGFR kann bei ungewöhnlich hoher oder niedriger Muskelmasse schwieriger zu interpretieren sein.
-
Cystatin C kann zusätzliche Informationen liefern, weil es deutlich weniger von der Muskelmasse abhängig ist.
Deshalb würde ich bei einem muskulösen Menschen niemals ausschließlich sehen:
eGFR 75 = schlechte Nieren.
Ich würde fragen:
Wie wurde die eGFR berechnet und wie sieht das Gesamtbild aus?
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MEIN FAZIT
Kreatinin und eGFR sind extrem nützliche Werte.
Aber sie sind keine perfekten Messgeräte.
Gerade bei Menschen mit viel Muskelmasse oder Kreatinsupplementierung kann Kreatinin die Interpretation komplizierter machen.
Cystatin C gibt uns dann eine weitere Perspektive.
Und wenn wirklich die Nierengesundheit beurteilt werden soll, gehört auch der Urin – insbesondere Albumin/UACR – mit ins Gesamtbild.
Genau das ist wieder die Idee hinter Labs with Phil:
Nicht nur rote Zahlen sehen – verstehen, warum sie rot sein könnten.