99 % REINHEIT – UND TROTZDEM KEINE AHNUNG, WAS DU DA HAST?
Warum ein schickes COA und „99 % Purity“ längst nicht bedeuten, dass dein Vial pharmazeutische Qualität hat.
Wenn man sich lange genug mit Peptiden beschäftigt, begegnet einem irgendwann diese magische Zahl:
99 % PURITY
Dazu ein schickes PDF vom Labor, ein HPLC-Diagramm mit einem riesigen Peak und plötzlich fühlt sich alles ziemlich seriös an.
Früher hätte mich genau das wahrscheinlich deutlich schneller überzeugt.
Heute denke ich mir:
Okay – aber was wurde eigentlich wirklich getestet?
Denn Reinheit, Identität, Menge und Sterilität sind vier komplett unterschiedliche Fragen.
Und genau das wird meiner Meinung nach in der Peptid-Bubble viel zu selten auseinandergehalten.
⸻
WAS BEDEUTET HPLC ÜBERHAUPT?
HPLC steht für High Performance Liquid Chromatography.
Vereinfacht gesagt wird eine Probe in ihre Bestandteile getrennt.
Am Ende erhält man verschiedene Peaks.
Wenn ein Peptid beispielsweise mit sehr hoher chromatographischer Reinheit angegeben wird, bedeutet das vereinfacht:
Der dominante detektierte Bestandteil macht unter den Bedingungen dieser Analyse einen sehr großen Anteil der gemessenen Peaks aus.
Das ist wertvolle Information.
Aber daraus wird schnell eine Aussage gemacht, die HPLC alleine so gar nicht beantwortet:
„Damit weiß ich zu 99 %, was in meinem Vial steckt.“
Nein.
⸻
REINHEIT IST NICHT IDENTITÄT
Stellt euch vor, ich gebe euch ein Glas mit einer unbekannten weißen Substanz.
Eine Analyse zeigt:
Das Zeug ist extrem rein.
Super.
Aber welche Substanz ist es?
Genau deshalb braucht man zur Charakterisierung von Peptiden weitere Methoden.
Eine wichtige davon ist Massenspektrometrie.
Damit kann unter anderem die Molekülmasse sehr präzise bestimmt werden. Moderne LC-MS/MS- beziehungsweise hochauflösende MS-Verfahren können zusätzlich bei der Identifizierung von Peptiden und Verunreinigungen helfen.
Die FDA nutzt bei der Charakterisierung von Peptidarzneimitteln genau deshalb nicht einfach nur einen HPLC-Peak. Hochauflösende LC-MS-Verfahren spielen bei Identität und Verunreinigungsprofilen eine wichtige Rolle.
Kurz gesagt:
HPLC: Wie sauber sieht die Probe chromatographisch aus?
MS: Passt das Molekül überhaupt zu dem, was behauptet wird?
Und selbst dann sind wir noch nicht fertig.
⸻
99 % PURITY BEDEUTET NICHT, DASS 10 MG IM VIAL SIND
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt des gesamten Beitrags.
Angenommen auf einem Vial steht:
10 mg
Und das COA sagt:
99 % Purity
Dann bedeutet das nicht automatisch:
9,9 mg Wirkstoff.
Denn Reinheit und tatsächlicher Wirkstoffgehalt sind unterschiedliche Messgrößen.
Eine Probe könnte chromatographisch sehr sauber sein und trotzdem weniger Gesamtwirkstoff enthalten als angegeben.
Umgekehrt beantwortet eine korrekte Gesamtmenge allein wiederum nicht jede Frage über Verunreinigungen.
Genau deshalb werden bei Arzneimitteln Assay beziehungsweise Potency und Reinheit nicht einfach als dasselbe behandelt.
Die FDA fand beispielsweise bei einer Untersuchung von Compounding-Produkten Fälle, bei denen Produkte zwar bei der Identitätsprüfung bestanden, aber beim Wirkstoffgehalt deutlich unter der angegebenen Menge lagen.
Richtige Substanz heißt also noch nicht richtige Menge.
⸻
UND JETZT KOMMT DAS THEMA, DAS ICH FRÜHER VIEL ZU WENIG AUF DEM SCHIRM HATTE
STERILITÄT.
Bei einem Produkt, das injiziert werden soll, kann mir ein wunderschöner HPLC-Graph allein nicht sagen:
Ist das Vial steril?
HPLC ist kein Sterilitätstest.
Und ein Reinheitstest beantwortet auch nicht automatisch die Frage nach bakteriellen Endotoxinen.
Das sind wieder eigene Qualitätsmerkmale mit eigenen Prüfverfahren.
Die FDA hat 2026 bei der Bewertung eines Peptid-COAs genau solche Lücken kritisiert: fehlende Angaben zu Verunreinigungsgrenzen, Aggregation sowie mikrobieller Belastung beziehungsweise bakteriellen Endotoxinen.
Das ist für mich der Punkt, an dem „99 % Reinheit“ plötzlich wesentlich weniger beeindruckend aussieht.
⸻
WAS IST MIT ENDOTOXINEN?
Auch das wird gerne mit Sterilität in einen Topf geworfen.
Ist aber nicht dasselbe.
Endotoxine sind Bestandteile bestimmter Bakterien.
Ein Produkt kann deshalb nicht einfach anhand eines HPLC-Ergebnisses als „sauber für Injektionen“ bewertet werden.
Die FDA weist bei sterilen Zubereitungen ausdrücklich darauf hin, dass mikrobielle Kontamination und Endotoxine eigene Risiken darstellen können.
Und damit haben wir mittlerweile:
Identität
Reinheit
Wirkstoffmenge
Sterilität
Endotoxine
Fünf unterschiedliche Fragen.
Ein einzelnes „99 %“ beantwortet davon nur einen Teil.
⸻
UND DANN GIBT ES NOCH VERUNREINIGUNGEN UND AGGREGATE
Peptide sind analytisch teilweise ziemlich kompliziert.
Bei der Synthese können beispielsweise verkürzte oder veränderte Peptidsequenzen sowie weitere prozessbedingte Verunreinigungen entstehen.
Zusätzlich können Aggregate relevant sein.
Das Problem:
Manche Verunreinigungen ähneln dem gewünschten Peptid strukturell extrem stark.
Die FDA weist deshalb darauf hin, dass bei Peptiden teilweise empfindliche hochauflösende Methoden notwendig sind, um solche Verunreinigungen überhaupt sauber zu charakterisieren. Auch mögliche Immunreaktionen durch bestimmte Verunreinigungen spielen dabei eine Rolle.
Ein großer schöner Hauptpeak bedeutet also nicht:
„Alles andere ist automatisch egal.“
⸻
WARUM ICH COAs HEUTE ANDERS ANSCHAUE
Früher hätte ich wahrscheinlich gesehen:
HPLC ✓
99 %+ ✓
Laborname ✓
und gedacht:
Sieht gut aus.
Heute hätte ich deutlich mehr Fragen:
Wurde tatsächlich die Identität bestätigt?
Wurde die Menge beziehungsweise der Wirkstoffgehalt bestimmt?
Bezieht sich das Ergebnis wirklich auf diese Charge?
Welche Methode wurde verwendet?
Was wurde überhaupt auf Verunreinigungen untersucht?
Gibt es bei einem Produkt, das als injizierbar gedacht ist, überhaupt separate Daten zu Sterilität und Endotoxinen?
Und passt das Dokument wirklich zur Probe – oder sehe ich einfach irgendein PDF?
Das bedeutet nicht, dass ein COA wertlos ist.
Ganz im Gegenteil.
Ein gutes Analysezertifikat kann extrem wertvolle Informationen liefern.
Aber man muss verstehen, was darauf tatsächlich getestet wurde – und was nicht.
⸻
MEIN GRÖSSTES LEARNING DABEI
Ich habe am Anfang viel stärker darüber nachgedacht:
„Welches Peptid möchte ich ausprobieren?“
Heute finde ich eine andere Frage mindestens genauso wichtig:
„Woher weiß ich eigentlich, was ich da wirklich vor mir habe?“
Gerade weil der Research-Markt momentan komplett explodiert und ständig neue Compounds auftauchen, wird dieses Thema meiner Meinung nach immer wichtiger.
Ein schickes Etikett sagt nichts.
Ein COA ist besser.
Ein HPLC-Test beantwortet eine konkrete Frage.
Eine Massenspektrometrie beantwortet weitere.
Und pharmazeutische Qualität besteht am Ende aus wesentlich mehr als einem beeindruckenden Prozentwert auf einem PDF.
⸻
DIE 5 FRAGEN, DIE ICH HEUTE STELLEN WÜRDE
Ist es tatsächlich das angegebene Molekül?
Wie rein ist es?
Wie viel davon ist tatsächlich enthalten?
Wurde die konkrete Charge untersucht?
Was weiß ich über Sterilität und Endotoxine?
Erst wenn man diese Fragen voneinander trennt, versteht man meiner Meinung nach überhaupt, was ein Analysezertifikat aussagt.
⸻
UND JETZT WÜRDE MICH EURE MEINUNG INTERESSIEREN
Wie genau schaut ihr euch COAs tatsächlich an?
Hand aufs Herz:
Reicht euch „99 % Purity“?
Oder schaut ihr mittlerweile auf HPLC, MS, tatsächlichen Wirkstoffgehalt, Charge und weitere Qualitätsparameter?
Und vor allem:
Was müsste auf einem COA stehen, damit ihr wirklich Vertrauen darin habt?
Ich glaube, bei diesem Thema können wir als Community noch einiges voneinander lernen.
Der Beitrag dient der Einordnung analytischer Qualitätsbegriffe. Ein Analysezertifikat allein belegt nicht automatisch die Sicherheit oder Eignung eines Research-Produkts zur Anwendung am Menschen.