Beitragsreihe: Die Geschichte hinter den Peptiden Teil 4: Cagrilintide – Die Rückkehr eines vergessenen Hormons
Nachdem wir uns im letzten Teil mit GHK-Cu und seiner Entdeckung als natürliches Reparatur-Peptid beschäftigt haben, wenden wir uns nun einem Hormon zu, das lange im Schatten von Insulin und GLP-1 stand: Amylin.
Die Geschichte von Cagrilintide ist die Geschichte eines Hormons, das jahrzehntelang als pharmazeutisches Nischenprodukt galt – bis ein dänisches Pharmaunternehmen entschied, es noch einmal neu zu erfinden. Was daraus entstand, könnte die Behandlung von Adipositas nachhaltig verändern.
Das vergessene Hormon: Die Entdeckung von Amylin
Die Geschichte beginnt nicht mit Cagrilintide, sondern mit seinem natürlichen Vorbild: Amylin. Dieses Hormon wurde im Jahr 1987 von Forschern um Christopher Cooper entdeckt, die es aus amyloidreichen Ablagerungen in der Bauchspeicheldrüse von Menschen mit Typ-zwei-Diabetes isolierten.
Amylin wird gemeinsam mit Insulin in den Betazellen der Bauchspeicheldrüse produziert und bei der Nahrungsaufnahme ins Blut ausgeschüttet. Es spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation des Blutzuckers und – was besonders interessant ist – bei der Steuerung von Sättigung und Nahrungsaufnahme.
Das Problem: Amylin hat eine fundamentale Schwäche. Es neigt stark dazu, sich zu verklumpen und unlösliche Aggregate zu bilden. Diese Eigenschaft macht es als Medikament praktisch unbrauchbar, da es im Körper schnell ausfällt und seine Wirkung verliert.
Der erste Versuch: Pramlintid
In den neunziger Jahren entwickelte das Pharmaunternehmen Amylin Pharmaceuticals – benannt nach dem Hormon selbst – einen ersten Amylin-Analog namens Pramlintid. Dieses Molekül war so modifiziert, dass es weniger zur Verklumpung neigte.
Pramlintid wurde im Jahr 2005 von der FDA unter dem Namen Symlin zur Behandlung von Diabetes zugelassen. Es zeigte moderate Effekte auf den Blutzucker und konnte bei manchen Patienten auch zu geringem Gewichtsverlust führen.
Doch Pramlintid hatte entscheidende Nachteile: Es musste dreimal täglich gespritzt werden, kurz vor den Mahlzeiten. Die Wirkung auf das Körpergewicht war mit etwa zwei bis drei Prozent Gewichtsverlust bescheiden. Und die Kombination aus häufiger Injektion, Übelkeit und begrenztem Nutzen führte dazu, dass sich das Medikament nie wirklich durchsetzte.
Für viele Jahre galt Amylin damit als interessantes, aber praktisch nicht nutzbares Hormon für die Gewichtsbehandlung.
Novo Nordisk und die Idee einer zweiten Chance
Während die Forschung zu GLP-1-Agonisten wie Liraglutid und Semaglutid in den zweitausender Jahren immer erfolgreicher wurde, behielten einige Forscher bei Novo Nordisk das Amylin-Hormon im Blick.
Die zentrale Frage war: Könnte man ein Amylin-Molekül so verändern, dass es stabil ist, nicht verklumpt und vor allem – dass es nur einmal wöchentlich gespritzt werden muss?
Die Antwort lag in einer chemischen Modifikation, die Novo Nordisk bereits bei anderen Peptiden erfolgreich eingesetzt hatte: die Anhängung einer Fettsäurekette. Diese Technik, auch Lipidierung genannt, verlängert die Halbwertszeit eines Peptids im Körper erheblich.
Die Entwicklung von Cagrilintide
In den zweitausenderzehner Jahren begann ein Team bei Novo Nordisk mit der systematischen Entwicklung eines langwirksamen Amylin-Analogs. Die Aufgabe war komplex:
Das Molekül musste stabil sein und durfte nicht zur Amyloidbildung neigen
Es musste die Amylin-Rezeptoren effektiv aktivieren
Es sollte durch Lipidierung eine Halbwertszeit von mehreren Tagen erreichen
Die Verträglichkeit musste besser sein als bei früheren Amylin-Präparaten
Nach zahlreichen Strukturvariationen und Tests wurde schließlich ein Molekül ausgewählt, das alle diese Kriterien erfüllte. Intern erhielt es den Entwicklungscode AM833. Später wurde es offiziell als Cagrilintide benannt.
Cagrilintide ist ein modifiziertes Amylin-Molekül mit dreißig Aminosäuren, das an einer spezifischen Position mit einer Fettsäurekette versehen ist. Diese Modifikation ermöglicht es dem Molekül, an Albumin im Blut zu binden und dadurch langsamer abgebaut zu werden. Das Ergebnis: eine einmal wöchentliche Gabe ist möglich.
Erste klinische Studien: Die Phase-zwei-Ergebnisse
Die erste größere klinische Studie zu Cagrilintide wurde im Jahr 2021 in der renommierten Zeitschrift The Lancet veröffentlicht.
Die Ergebnisse waren vielversprechend: Teilnehmer, die die höchste Dosis von Cagrilintide erhielten, verloren nach sechsundzwanzig Wochen durchschnittlich etwa 10,8% ihres Körpergewichts. Zum Vergleich: Die Placebogruppe verlor etwa 3%, und eine Gruppe, die Liraglutid erhielt, verlor etwa 9%.
Damit war Cagrilintide als Monotherapie bereits wirksamer als viele bestehende Medikamente. Doch die Forscher bei Novo Nordisk hatten eine noch ambitioniertere Idee.
Die Kombination: CagriSema
Die eigentliche Innovation kam, als Novo Nordisk Cagrilintide mit Semaglutid kombinierte – dem Wirkstoff, der bereits als Wegovy für Gewichtsmanagement und als Ozempic für Diabetes zugelassen war.
Die Idee dahinter war einfach, aber clever: GLP-1-Agonisten wie Semaglutid und Amylin-Analoga wie Cagrilintide wirken über unterschiedliche Mechanismen. GLP-1 beeinflusst Appetit, Sättigung und Blutzucker über GLP-1-Rezeptoren. Amylin wirkt über Amylin- und Calcitonin-Rezeptoren im Gehirn, insbesondere in Bereichen, die für Sättigung und Nahrungsaufnahme zuständig sind.
Wenn man beide Wirkstoffe kombiniert, könnte man additive oder sogar synergistische Effekte erzielen.
Diese Kombination erhielt den Namen CagriSema – zusammengesetzt aus Cagrilintide und Semaglutid.
Die REDEFINE-Studien: Phase drei
Ab dem Jahr 2023 startete Novo Nordisk das umfangreiche REDEFINE-Programm, eine Reihe von Phase-drei-Studien, die CagriSema und Cagrilintide als Monotherapie untersuchen sollten.
Die wichtigste Studie, REDEFINE-eins, umfasste mehr als dreitausendvierhundert Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht ohne Typ-zwei-Diabetes. Die Teilnehmer wurden in vier Gruppen eingeteilt:
CagriSema (Cagrilintide und Semaglutid kombiniert)
Semaglutid allein
Cagrilintide allein
Placebo
Alle Teilnehmer erhielten zusätzlich eine Lebensstilintervention mit Ernährungs- und Bewegungsempfehlungen.
Die Ergebnisse, die im Jahr 2024 und 2025 veröffentlicht wurden, waren bemerkenswert:
Die CagriSema-Gruppe verlor durchschnittlich etwa zwanzig Komma vier Prozent ihres Körpergewichts nach achtundsechzig Wochen
Die Semaglutid-Gruppe verlor etwa vierzehn Komma neun Prozent
Die Cagrilintide-Monotherapie-Gruppe verlor etwa elf Komma fünf Prozent
Die Placebogruppe verlor etwa drei Prozent
Damit übertraf CagriSema nicht nur Semaglutid allein, sondern erreichte Gewichtsverluste, die bisher nur von Tirzepatid bekannt waren – einem dualen GIP/GLP-1-Agonisten.
Warum Cagrilintide besonders ist
Cagrilintide hat mehrere Eigenschaften, die es von früheren Amylin-Präparaten unterscheiden:
Erstens: Einmal wöchentliche Gabe Im Gegensatz zu Pramlintid, das dreimal täglich gespritzt werden musste, reicht bei Cagrilintide eine Injektion pro Woche. Das verbessert die Anwendbarkeit erheblich.
Zweitens: Stärkere Wirkung Mit etwa elf Prozent Gewichtsverlust als Monotherapie ist Cagrilintide deutlich wirksamer als frühere Amylin-Analoga.
Drittens: Kombinierbarkeit Die Kombination mit Semaglutid zeigt, dass Amylin-Rezeptor-Agonisten gut mit GLP-1-Therapien kombiniert werden können – was neue Behandlungsoptionen eröffnet.
Viertens: Anderer Wirkmechanismus Cagrilintide wirkt über Amylin- und Calcitonin-Rezeptoren, nicht über GLP-1-Rezeptoren. Das bedeutet, es könnte auch bei Patienten wirken, die auf GLP-1-Therapien nicht ausreichend ansprechen.
Herausforderungen und Nebenwirkungen
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es auch bei Cagrilintide Herausforderungen:
Übelkeit: Wie bei vielen gewichtsreduzierenden Peptiden trat Übelkeit bei einem Teil der Teilnehmer auf. In Studien berichteten etwa vierundzwanzig Prozent der Teilnehmer unter Cagrilintide-Monotherapie von Übelkeit.
Gastrointestinale Symptome: Weitere häufige Nebenwirkungen waren Durchfall, Erbrechen und Verstopfung.
Langzeitsicherheit: Da Cagrilintide noch nicht breit zugelassen ist, fehlen Daten zur langfristigen Sicherheit über mehrere Jahre.
Zulassungsstatus: Stand Ende 2025 hat Novo Nordisk bei der FDA einen Zulassungsantrag für CagriSema eingereicht. Die Entscheidung wird im Jahr 2026 erwartet. Cagrilintide als Monotherapie wird derzeit in einem separaten Programm weiterentwickelt.
Die aktuelle Forschung: Über die Gewichtsreduktion hinaus
Während CagriSema im Fokus steht, untersucht die Forschung auch andere potenzielle Anwendungen von Cagrilintide:
Diabetes: Studien untersuchen Cagrilintide bei Menschen mit Typ-zwei-Diabetes, sowohl als Monotherapie als auch in Kombination mit Semaglutid.
Kardiovaskuläre Sicherheit: Wie bei allen neuen gewichtsreduzierenden Medikamenten wird auch bei Cagrilintide die Auswirkung auf kardiovaskuläre Ereignisse untersucht.
Fazit
Die Geschichte von Cagrilintide zeigt, dass es sich lohnen kann, scheinbar gescheiterte Ansätze noch einmal neu zu betrachten. Durch moderne Peptidchemie, gezielte Modifikation und die Kombination mit etablierten Wirkstoffen ist aus dem vergessenen Hormon ein Kandidat für die Behandlung von Adipositas geworden.
Ob Cagrilintide als Monotherapie oder in Kombination mit Semaglutid zugelassen wird und wie es sich im Vergleich zu bestehenden Therapien bewährt, werden die kommenden Jahre zeigen.
Quellen und Weiterführendes
Entwicklung von Cagrilintide, einem langwirksamen Amylin-Analog – Journal of Medicinal Chemistry
REDEFINE-1 Phase-drei-Studie zu CagriSema – New England Journal of Medicine
Novo Nordisk Pressemitteilungen zu Cagrilintide und CagriSema (2024–2025)
Übersichtsarbeiten zu Amylin, Amylin-Rezeptoren und Adipositas-Therapie